Bildung und Wissen
Erziehen heißt nicht ein Fass füllen, sondern eine Flamme entzünden, metaphoriert der arabische Dichter.
Hätte er recht, wer sollte dann heute erziehen? Mutlose Eltern und lebensfremde, schlappe Pädoingenieure? Liefern sie noch Reibflächen für eine Zündung? Das Bild von der Flamme enthält die vernichtende Antwort, kann sich doch eine Flamme immer nur an einer Flamme entzünden und nie an einem ausgebrannten Docht.
Das Entzünden scheint heute den jungen Lehrern schwerer denn je zu fallen. Wohl aus zwei Gründen: Einmal ist so mancher schon in jungen Jahren selbst erloschen, müde, ohne Feuer, ohne Träume, Kind des Konsums, der schnellen, kampflosen Wunscherfüllung, zum anderen sind viele, auch und gerade solche, die dem pädagogischen Fortschritt sich zugetan fühlen, dazu erzogen worden, Bildung und Gelehrsamkeit zu verwechseln. Dazu trägt die Art ihrer Ausbildung bei.
Bildung beruht nicht auf einer Anhäufung von Kenntnissen, und sei es auf noch so vielen Gebieten, sondern auf der Ordnung, die diese Kenntnisse in unserem Gedächtnis gefunden haben, und auf der Präsenz dieser Kenntnisse in unserem Verhalten. Es kann sein, dass die Kenntnisse eines Gebildeten nicht sehr zahlreich sind, doch sie sind harmonisch, zusammenhängend, d.h. sie stehen zueinander in fruchtbarer Wechselbeziehung, während sie beim Gelehrten in getrennten Fächern gespeichert zu sein scheinen. Beim Gebildeten verteilen sie sich nach einer inneren Ordnung, die auf Vernetzung und gegenseitige Erhellung abzielt. Seine Lektüre, seine Erfahrungen befinden sich in Gärung und erzeugen ständig neue Reichtümer: Er ist wie der Mensch, der ein Zins tragendes Konto anlegt. Wie der Geizige bewahrt dagegen der Gelehrte sein Vermögen in einem Strumpf auf, wo nur Verschimmeln und Wiederholung möglich sind. Im ersten Fall geht Kenntnis aus Kenntnis hervor. Im zweiten reiht sich Kenntnis an Kenntnis.
Ein Mensch, der das gesamte Theater von Brecht in- und auswendig kennt, ist ein Gelehrter. Gebildet ist, wer die Beziehung zwischen der Mutter Courage und den Revolutionen ihrer und unserer Zeit und die zwischen dem Autor und den Intellektuellen seiner und unserer Zeit und dazu den unendlich weiten poetischen Verweisungszusammenhang des Werkes erkennt. So ist auch der Angehörige eines primitiven Stammes, der in zehn Grundbegriffen die Welt besitzt, nicht weniger gebildet als der Spezialist für sakrale byzantinische Kunst, der weder Spiegeleier braten noch sein Wissen als kleinen Ausschnitt begreifen kann, ein Steinchen, das erst mit tausend anderen zum Mosaik verbunden, ein Bild vom schöpferischen Gestalten und von den geheimen Wünschen der Menschheit ergibt.
Junge Menschen brauchen vor allem anfangs, wenn ihr Geist sich neugierig zu öffnen beginnt, nichts so sehr wie den Gebildeten, damit sie später nicht leichte Beute des Gelehrten werden, des Wissenschaftlers mit seinen Beschränkungen.