Gedanken zur Vielfalt

Schlaf in guter Ruh, tu die Äuglein zu, höre, wie der Regen fällt, hör, wie Nachbars Hündchen bellt, Hündchen hat den Mann gebissen, hat des Bettlers Kleid zerrissen, Bettler läuft der Pforte zu, schlaf in guter Ruh. Ein altes deutsches Wiegenlied, dem lauschenden Kinde Nachtfrieden verheißend, nun, nachdem der Eindringling abgewehrt ist. Ein Wiegenlied zum Fürchten. Draußen die böse Welt, die unheimliche, regennasse Welt, eine Finsternis mit Unholden.

Seit dem Wegbrechen von "Nation" und "Reich" als Identifikationshorizonten, seit 1945 hat sich das Streben nach innerer Heimat auf das Heim reduziert, auf eine die "bornierte Häuslichkeit", die schon Hölderlin kritisierte, auf das Eigentum als hegenden Umkreis, getrennt durch Mauer und Zaun von der feindlichen Außenwelt, die häusliches Innenglück gefährden könnte.

Die von der Politik geförderte Eigenheimideologie - galt doch in der Zeit des Kalten Krieges der Gürtel der privaten Neubauten als cordon sanitaire gegen den Kollektivismus drüben - diese Überidentifikation mit dem Haus, die tief im Unbewussten verankerte Eigentumsobsession der Deutschen, hat dazu geführt, dass "Haus" ursprungsmythisch aufgeladen als Symbol für Höhle und Geborgenheit auch zum Synonym wird für Ruhe, erzwungene Ruhe "gegen das Elend anderer", fern von der Botschaft, mit der der Nazarener im Mythos der Christen beim Abschied die Jünger beschwor: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Da wird für ein Haus plädiert, in dem alles Wohnrecht haben soll, "was Menschenantlitz trägt", für die eine Welt, die multikulturelle Welt.

Fremde Kultur bedeutet für den denkenden und schaffenden Menschen nicht Belastung, sondern Bereicherung, nicht Bedrohung, sondern befruchtende Vielfalt, mit all den Konflikten, die dazugehören. Ihm ist es lieber, in einem positiven Chaos zu leben, einer Mischung von ansteckender Vitalität, als in kultureller Provinzialität vegetieren, in machtgeschützter Innerlichkeit am Rande der brennenden See. Die schwarzrotgoldende Gemeinschaft wandelt sich. Es wird südländischer in Deutschland, osteuropäischer, orientalischer, jüdischer, ja und?

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