Rolling Home

Prototypisch für den modernen Massentouristen folgten in der Wirtschaftswunder-zeit dem einfachen Camper, der seinen Bewegungsdrang noch zum Zurück zur Natur idealisieren konnte, die Wohnwagenmenschen. Rolling Home könnte wortspielender Schlüssel sein für eine aufschlussreiche Form des Reisens in den Zeiten grenzenloser Mobilität. Ein neuer Typ von Reisenden sei da unterwegs, legt der erste Blick nahe, doch schaut man etwas länger hin - so etwa dreißig Jahre - zeichnet sich auch hier wieder nichts als der uralte Grund-Riss ab, Homos widerspruchsvolle Unrast - diesmal in Blech und Plastik - als Bewegung, die jedes Mal ins Beharren zurückführt, aus dem sie ursächlich hervorgeht.

Die es von ihrer gewohnten Route zwischen Kühlschrank und Fernsehsessel auf die wilde Autobahn hinaustreibt, ins freie Leben, lieben sie nicht bei allem Fortstreben die Heimat so sehr, dass sie nie und nirgendwo von ihr lassen möchten, daß sie sogar mit ihr auf Reisen gehn, von Platz zu Platz zuckeln, das rollende Heim am Haken ihrer Pferdestärken? Ambulante Häuslichkeit mit Salat- und Satellitenschüssel in der Mini-Villa auf Rädern. Die Dimension bescheidener Abenteuerlichkeit eröffnet sich jenen, die in der eigenen Tapete touren, wenn der Gespannführer im Endlosstau vor Rimini oder Calella bemerkt, dass die Kühlbox leer ist, oder wenn zu später Stunde der Sprit ausgeht oder einmal der Stellplatz nicht alle Anschlüsse aufweist. Anschluss ist entscheidend. An Strom und Wasser, an den Mini-Markt und - zum Austausch vor allem reisetechnischer Informationen - an andere Zeit-Nomaden, die Erfahrung gesammelt haben unterwegs daheim, unterwegs im großen Treck nach Überall und Nirgendwo.

Wie aber reagiert der in die Jahre kommende Wohnwagenmobilist auf die alte Grundspannung der Menschheitsgeschichte, auf das ewige Hin und Her zwischen nomadischem Trieb und Drang zur Sesshafthaftigkeit, zwischen Bewegungs- und Beharrungsstreben? Mein Nachbar hat sich zu einem Kompromiss von bemerkenswerter Konsequenz entschlossen. Genauer: mein ehemaliger Nachbar. Ich habe keinen Nachbar mehr. Er ist fortgezogen. Nicht mit seinem Wohnwagen, sondern in seinen Wohnwagen. Endgültig.

Er hat ihn aufgebockt. Irgendwo auf einem Campingplatz an einem Badesee. Mit Vorgärtchen, Hausnummer, Briefkasten und Müllabfuhr. Er nennt sich Dauergast und seinen Wohnwagen Mobilheim. Obwohl der gar keine Räder mehr hat.

Der sich hier randständig zur Ruhe gesetzt hat, zieht sich, bei Dosenbier und Salzstangen mit seiner belgischen Eichenholzgarnitur verwachsend, zwischen allerlei teleidiotischem Serienmüll immer noch gern den Verkehrsfunk rein. Da schmunzelt er bei Unfall- oder Staumeldungen, da schüttelt er den Kopf über Geisterfahrer und all die anderen Verrückten, die nicht in ihren vier Wänden bleiben können.

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