Liebe ein unbestimmtes Geschlechts-Wort?
Liebe: ein pubertärer Reflex, eine ubiquitäre Wahnvorstellung, ein unbestimmtes Geschlechts-Wort? In der Tat wohl letzteres: nichts anderes als eine sprachliche Ungenauigkeit. Ein nichts sagendes Wort, weil es zuviel sagen soll. Alles sagen soll zwischen Gotterfülltheit und Geisteskrankheit. Ein hochtönendes Laut- und Buchstabengebinde, Projektionsauslöser für jedermanns Bedürfnisse und Wunschvorstellungen, ähnlich den verwandten Leerformeln "Gott" und "Seele".
Je nach biographischen Zufallskonstellationen wechseln die Assoziationen von kühnen Griffen auf der Parkbank unterm Maienmond zu verzagter Kuschelei im Ikea-Holz, von heißen Nummern mit strapsbewehrten Willfährigen zum Weihnachtsgeschenk der alten Mutter oder den wunderbaren Taten der lieben Therese von Konnersreuth. Schlichtere denken an den Griff in die eigene Hose, noch schlichtere an den zur Video-Fernbedienung.
Eins ist allen Liebenden gemeinsam: Sie wollen etwas haben, um etwas loszuwerden. Und alle wissen genau, was das ist. Und zwar als einzige. Liebe! Semantisch betrachtet: Fälle von fahrlässiger Tötung.
Oft genug auch realiter. Liebe ist Fesselwort und Wortfessel. Im Namen der Liebe werden mehr Menschen unterdrückt als im Namen irgendeiner Ideologie. Liebe heißt immer auch Fremdherrschaft, Unterdrückung, Ausbeutung, Liebe heißt Kitsch, Schwachsinn und Denkfaulheit. Wie oft enttarnt sich Fürsorglichkeit bei näherem Hinsehen als Erpressung, als Rechtfertigung für langsames Erwürgen oder gar Halsabschneiden? Wie manche Identität entsteht erst durch Einverleibung?
Wie viele Ehen bestehen nur aus einer Person, bzw. zwei halben Portionen, die auch zusammengenommen weniger als eine ganze sind? Doch wer denkt, wenn er im Rausch ist, an den Kater, welcher Süchtige an den Horror des Entzugs? Die Wahrheit ist einfach zu häßlich. Also Ausblenden als Selbstmordprophylaxe. Lieber Liebe machen als Liebe denken und Liebe leben, lieber weiter backfischen in den trüben Tiefen des Es.