Humanistische Bildung

Das humanistische Gymnasium hat seine Schüler nie erzogen, d. h. aus der Unmündigkeit gezogen, es hat sie deformiert. Die Deformation geschah hauptsächlich durch Vorenthalten von Information. Das tat ein Teil der Lehrer mit böser Absicht, ein anderer aus Dummheit. Bei den meisten war wohl beides im Spiel. "Das muß man aus der Zeit heraus verstehen" und andere geläufige konservative Rechtfertigungsklischees lasse ich nicht gelten: Kurzschlüsse von Denkträgen.

Alle wesentlichen Erkenntnisse und Prinzipien sind nämlich zeitlos. Wirksam werden sie allerdings nur durch Bewusstmachung u n d Anwendung, zumindest Bereitschaft zur Anwendung. Das aber gerade sollte die pervertierte "humanistische Bildung" verhindern. Sie schuf bestenfalls kleinbürgerliche Kultur-Voyeure, zwar Menschen mit großer Sicherheit im Auftreten, aber einer Sicherheit, die durch nichts gedeckt war.

Diese Erziehung stellte nicht das dringend benötigte Begriffssinstrumentarium zur Analyse von Mensch und Gesellschaft zur Verfügung, sondern neben spekulativen Allgemeinplätzen aus Religion und Philosophie allenfalls vordergründiges Lexikonwissen, das sich als Statusnachweis eignete, also leeres Stroh.

Eine humanistische Bildung, wie die Sozialeliten der letzten Generationen sie genossen haben, hat schlimmere Folgen als keine Bildung. Dante, bei seinem Gang durch die Hölle, widerte sich vor den "faulen Engelscharen", den feigen Mitläufern, mehr als vor den eigentlichen Verbrechern. Zu Recht.

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" könnte Schaden nehmen. Aus dem Grunde fehlt wohl auch in deutschen Lexika zwischen Klopstock und Kolping der Name Koch, jedenfalls der von Ilse Koch, Lagerkommandantin, die im Weimarer KZ zehntausende von Nestbeschmutzern von den Qualen des kritischen, also unhumanistischen Denkens erlöst hat.

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