Der letzte Schrei
Die Eskalation des technologiebeschleunigten Fortschritts scheint grenzenlos. Homo sapiens darf sich am Ende des 20. Jhdts. als Beherrscher der Elemente sehen, ein dichtes Kommunikationsnetz hat den Globus zum Dorf schrumpfen lassen.
In der Tat scheint die Bilanz beachtlich: Wir heben und senken den Wasserspiegel unserer Flüsse per Knopfdruck, erzeugen mit Wasserkraft Strom. Mit riesigen Baufahrzeugen gestalten wir die Erdoberfläche neu, wir versetzen Berge, heben Wasserbecken aus, sprengen den Fels und schaffen die Urwälder beiseite. Die Chemie zwingt den Ackerboden zu permanenten Höchstleistungen, Strahltriebwerke verwandeln Luft in Schubkraft, und wir gleiten auf Luftkissen über Land und Meer, Herren über Raum und Zeit. Unter hohen Feuertemperaturen schmelzen wir Metalle, um sie so zu formen, wie wir sie brauchen, wir richten uns in den Weiten des Weltraums häuslich ein.
Geboren sind all die genannten Großtaten aus dem Geist der Logik; gegen Ende des zweiten Jahrtausends der abendländischen Geschichte tritt nun unerwartet neben die Logik eine zweite Lehrerin der Vernunft: die Katastrophe. Es scheint so, als bedürfe der Menschengeist der Katastrophe, um zu erkennen, dass folgerichtiges Denken allein die Folgen nicht richtig erkennt.
Katastrophen haben die Sichtweise einer durchaus nicht mehr schweigenden Minderheit einschneidend geändert. Seit nicht mehr die Natur das Hauptproblem für den Menschen ist, sondern der Mensch Hauptproblem für die Natur, für die um ihn herum und die in ihm, hat sich manches, was einst Sinn machte, in Unsinn verwandelt, manch bestechender Schritt nach vorn als lebensgefährliche Panne des Denkens erwiesen. Mittlerweile hat homo, um die Berechtigung seines Epitheton sapiens zu widerlegen, nichts unversucht, und damit nichts unverseucht gelassen auf Erden, und dem Satiriker erigiert die Hieb- und Stichwaffe in der Hand, wenn er sieht, wie die ersten Giftzwerge vor all dem Schmutz in die Sterilität des Alls entweichen.
Obwohl manche es wissen und immer mehr es ahnen, dass Fortschritt nicht nur heißt, in irgendeine Zukunft schreiten, sondern auch von etwas fort-schreiten, nämlich fort von der Natur, sind diejenigen, die mit dem Kopf durch die Wand wollen, und zwar ausschließlich mit dem Kopf, noch in der Überzahl. Was ist schon die Natur für diese Kopfturner?
Man braucht sich nur anschauen, wie sie ihre Physis und Psyche behandeln. Der Körper ist ihnen etwas Lästiges, ein Hirnanhang, der in Form gehalten werden muss. Nun macht er uns aber ständig zu schaffen, der Körper: in der Jugend mit seinen Forderungen, im Alter mit seinem Versagen.
Gegen das Unplanmäßige, Eigenwillige der physischen Existenz helfen dem Kopfmenschen akademische Experten, die nach Art des Technischen Überwachungsvereins mit komplizierten Geräten Kundendienst betreiben, die Körper durchchecken und ihre Abläufe mit chemischer Hilfe regulieren. All diese ratio-aktiven Burschen lächeln Hohn über das, was jeder Römer wusste: Natura sanat, medicus curat. Der Arzt hilft heilen. Der intelligente Macher versteht sein Leiden nicht als Warnung, er versucht nicht, die Selbstregulierungskräfte des Körpers anzuregen, er rückt vielmehr seinem Defekt mit den logischen Patentlösungen der Pharma-Industrie zuleibe. Dadurch entsteht der Eindruck, der moderne Mensch lebe länger, in Wirklichkeit stirbt er länger. Der Glaube versetzt Särge, könnte man kalauern, er versetzt sie ein wenig nach hinten.
Nicht anders versucht man, die Psyche in den Griff zu kriegen. Im Klimakterium der westlichen Kultur ist an die Stelle des Weisen, des Philosophen, der Psychiater getreten. Dessen Funktion besteht darin, das Individuum an die gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen, die seine Krankheit verursacht haben.
Ob also aus der Sicht der inneren oder der äußeren Natur: die Bahnen der Logik können durchaus Holzwegcharakter haben, muss auch der Neuerungswütigste erkennen, wenn allerorts immer häufiger reparieren als innovieren angesagt ist. Unter dem Eindruck der drohenden Katastrophen sieht es aus, als habe die Klugheit nur noch eine Funktion: sie beschert dem Menschen die Mittel, seine Dummheit voll auszuleben.
Mit schwerer Schlagseite trudelt das übervölkerte Raumschiff durch das All, leider keine Arche; Piloten und technisches Personal managen nur noch die Krisen. Die Passagiere fliehen in Rausch und Krankheit, billige Laster und immer grellere Unterhaltung. Sogar ihre Lieblingsbeschäftigung, nämlich Kriege zu führen, haben die fortschrittlicheren unter ihnen aufgegeben, Kriege erscheinen als langweilig, als historische Pubertätspickel, angesichts der Katastrophen, die der Fortschritt ihnen beschert hat.
Der Augenblick rückt offensichtlich näher, in dem sich zeigen wird, ob das technische Zeitalter eine Fehlentwicklung der Evolution war oder nicht. Für die Natur als Ganzes ist das unerheblich. Sie hat sich selbst den schlauesten Beitrag zum Umweltschutz erschaffen: Sie hat die Spezies Mensch so konstruiert, dass sie sich im Bedarfsfall selbst ausrottet. Der da glaubte, der letzte Schrei der Schöpfung zu sein, muss ihr das letzte Wort lassen, und vielleicht hallt irgendwann ein kosmisches Gelächter durch das All über den letzten Dreck in der Geschichte des Universums.