Mythos vom Bauch

Die scheinemanzipierte Mittelklassefrau pflegt den Mythos vom Bauch, aus dem heraus man leben solle. An Stelle einer intellektuellen Kritik an gesellschaftlich verursachten Missständen und einer genauen Analyse privaten Missgeschicks, die sie nicht leisten kann oder will, weicht sie in die Personalisierung und Psychologisierung von Problemen aus.

Darin gleicht sie dem Unterschichtangehörigen, der, wenn auch ohne Ideologisierung seiner Haltung, die ihm ja nicht bewusst ist, starke antiintellektuelle Ressentiments hegt. Er fühlt sich einem intelligenteren Gesprächspartner gegenüber nicht hilflos, denn er weiß, das ist ein "Schwaatlapp" und hochnäsig dazu, so wie die Frau weiß, dass ein kritischer Analytiker ein armer Irrer ist, weil er einseitig auf die Kognition setzt, statt seinen Gefühlen zu folgen.

Dem Unterschichtler helfen seine früh eingeimpften Immunisierungsmechanismen. Er kann Druck ablassen, z. B. im Volkstheater oder durch Witze gegen Klerus und Akademiker und alle Neunmalklugen, die im "wirklichen" Leben bekanntlich so hilflos sind.

Solcherart Entlastung steht Mittelschichtfrauen nicht zur Verfügung. Sie wissen schon zuviel. Ihre Ausbildung in einem wissenschaftsorientierten Erziehungssystem lässt sie sehr wohl im Hinterkopf erkennen, dass ihr gesamtes Dasein auf Gedeih und Verderb von der Ratio abhängt, von einer technologisch organisierten Welt, die ja nicht naturnotwendig eine "männliche" sein muss, in die einzusteigen es aber nur einen Weg gibt, und der führt nicht über den Bauch.

Und solange sie das nicht zugeben können, haben die Scheißkerle eben immer recht, und ihr Weg führt ins Kaufhaus oder auf die Couch eines Psycho-Designers.

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