Der Wintergarten auf dem Dach
Das Wohnen in der Stadt wird immer attraktiver. Die guten Einkaufsmöglichkeiten, das große Angebot kultureller Veranstaltungen und die Vielfalt kommunikativer Begegnungen unterstützen die "Landflucht". Der Trend ist: zurück in die Stadt. Mit der Folge, dass der begehrte Wohnraum immer knapper wird.
Was liegt da näher, als ungenutzte Flächen und Räume in bester Citylage zu aktivieren? Die Lösung bieten brachliegende Dachböden in Stadthäusern und den großen mehrgeschossigen Altbauten. Die Flächen sind da, die Erschließung ist vorhanden. Was fehlt, ist die technische Ausstattung, die die ehemaligen Trockenböden mit relativ geringem Aufwand zu Wohnungen macht.
Und wenn man dem Himmel schon so nahe ist, warum dann die Dächer weiterhin so geschlossen halten und nur durch Luken unterbrechen? Viel schöner ist es doch, sich dem Licht und der Sonne zu öffnen: Heute kann die schützende Dachhaut auch transparent sein, kann Glasarchitektur überraschende Akzente setzen. So lässt sich das Drückende und Dunkle von ehemaligen Böden und Dachwohnungen ins Gegenteil umkehren: Was früher als schlechter Wohnwert galt, ist heute eine begehrte Adresse.
Was aber den besonderen Reiz des Wohnens über der Stadt ausmacht, ist deshalb viel mehr als der übliche Komfort. Das Gefühl, wie beherrschend über der Stadt zu residieren, der atemberaubende Blick auf die Weite der Dachlandschaft, gleichzeitig entrückt mit dem kontrollierenden Blick auf das geschäftige Treiben in den Straßen.
Neben der baukonstruktiv recht komplizierten Planung bietet eine solche Dachsituation ungeahnte Möglichkeiten für Entwurf und Raumplanung: wirklich vom Licht durchflutete Räume, glasbekrönte Galerien, das Einziehen einer zusätzlichen, sonnigen Wohnebene und sogar das Öffnen und Überglasen ganzer Dachflächen. Die heitere Helligkeit in den ungewöhnlich spannungsreichen Räumen, das Wohnen im Innengarten unter dem künstlichen Firmament, das sich häufig sogar in einem romantischen Dachgarten fortsetzen lässt, fasziniert durch die ungewohnten Kontraste zwischen Himmel und Erde.
Doch die Entwicklung, die uns so neuartig erscheint und zum Zeichen zeitgemäßen Bauens geworden ist, hat schon einmal Bauherren den Ruf der Modernität eingebracht: Der bizarre, baufreudige Bayernkönig Ludwig II. brach mit der traditionellen Vorstellung von Architektur und ließ schon vor mehr als einhundert Jahren auf dem Dach seiner Münchner Residenz einen 70 Meter langen und 9,5 Meter hohen überwölbten Wintergarten errichten - weitere gewagte Unternehmungen dieser Art waren in Planung.
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