Schloss Neuschwanstein

Hohe weiße Türme flankieren Schloss Neuschwanstein, das sich vor der Felsenkulisse des Tegelbergs wie ein riesiges Adlernest über den Wipfeln dunkelgrüner Tannen erhebt. Ein Motiv, das viele Postkarten schmückt und Vorbild wurde für die Dornröschenschlösser der Disneyland-Parks. Neuschwanstein gehört zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Europas. Etwa 1,3 Mio. Touristen jährlich besuchen das Schloss bei Hohenschwangau im Allgäu, das für König Ludwig II. von Bayern (1845-1886) errichtet wurde.

Begonnen 1869, wurde es 1886 fertiggestellt, im Todesjahr des Regenten. Unter der Leitung des Architekten Eduard Riedel errichtet, gestalteten Kunsthandwerker und Bühnenmaler die Räume nach den präzisen Vorstellungen des Königs aus. Bühnenbilder des Münchner Theatermalers Christian Jank Gestalt dienten dabei als Vorlage und kennzeichnen den Charakter des Baus.

Denn die heutige Sehenswürdigkeit für Touristen war weit mehr die Inszenierung einer Traumwelt als ein konkreter Herrschaftssitz. Die Phantasie des Königs wurde inspiriert von realen Landschaftsruinen wie der Wartburg, von mittelalterlichen Sagen und von Opern Richard Wagners. Die Architektur und das Decorum der Raumfolgen mit Sängersaal und Thronsaal idealisieren romantische Vorstellungen vom Mittelalter, die in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhundert in Umlauf waren. Die Erzählungen um den Dichter Tannhäuser, den Schwanenritter Lohengrin und den Gralskönig Parzival sind dabei zentrale Leitmotive.

Schloss Neuschwanstein ist von der Idee und von der Architektur her eine Ritterburg. Das Gebäudeensemble erstreckt sich mit etwa 150 Metern Länge auf einem Felsrücken, der sogenannten „Jugend“, und besteht aus Torhaus, Aussichtstürmen, Haupt- und Nebenbauten, die von dekorativen Zinnen und Giebeln bekrönt werden. An Stelle der Ruinen der Burg Vorderhohenschwangau errichtet, liegt es inmitten der der Stille und Großartigkeit der Natur der Voralpenlandschaft. Ein einsames Märchenschloss, das in absolutem Gegensatz zur sich entwickelnden Industrielandschaft entstand, mit rauchenden Fabrikschloten und immer schnelleren Fortbewegungsmitteln.

Neuschwanstein wurde für Ludwig II auch der letzte Zufluchtsort vor der politischen Realität in der Hauptstadt München. Hof und Bürgertum rechneten dort die Kosten der königlichen Architekturträume hoch. Das Schloss kostete bis zum Tode Ludwigs II über 6 Mio. Reichsmark. Der König verschuldete sich mit diesem und seinen weiteren Bauprojekten privat bis zur drohenden Pfändung. Das führte 1886 zur Absetzung durch die bayerische Regierung und zur Entmündigung des Staatsoberhauptes. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1886 floh Ludwig II. von Schloss Neuschwanstein und beging unter ungeklärten Umständen Selbstmord im Starnberger See. Sein Märchenschloss ist heute eine Sehenswürdigkeit in Bayern, die dem Staat jährliche Einnahmen von durchschnittlich 6 Mio. Euro aus dem Besuchertourismus beschert.

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